
machen wir uns nichts vor
Auf der Straße
Alles-Markieren-Ausschneiden-Lebensgeschichten
in der Fußgängerzone am Anatomiegarten hinter einem Pappbecher hockend, vom Rand hineinstummend
zwischen
Gucci- und Versacemarionetten
botoxgelähmt
Banden sicher zerschnitten
Zugehörigkeiten verascht
Raum für neue Epochen, wenn im letzten Odenwaldverein die Torschreie verhallen
Krieg
nach achtzig Jahren
ein Präsident auf Waffensuche
Rezeptionist im brennenden Hotel Europa
Europa
im Zaumzeug der Palavermente
sakrosankt geweihte Wirkungslosigkeit
Tamponautomaten
Lurchschutz
Käferhabitate
Ach diese Schriftsteller. Schreiben und schreiben und schreiben. Wer soll das denn alles lesen.
Neben Ulysses einzuschlafen bedeutet, auf sicherem Weg der Bedeutungslosigkeit die Nacht zu verbringen und am nächsten Morgen in selbiger den Tag beginnen zu können.
Lokalnachrichten
Das Anheben der leicht vibrierenden linken Augenbraue und der für einen kurzen Moment erstarrte, fixierende Blick des vorgesetzten Chefredakteurs der Heiterberger Rein-Mecker-Zeitung auf die unbedachte Bemerkung des Nachwuchs-redakteurs Ehrlicher, er kenne keinen einzigen Lärmtoten, veranlasste diesen, die Arbeit an seiner Serie über „Unschärfen epidemiologischer und toxikologischer Studien und Modellierungen zur Lärm- und Feinstaubsterblichkeit“ einzustellen und sich journalistisch im Bereich Fahrradstraßen, Windmühlen, Vereinsjubiläen und Umwelt-Bürgerinitiativen einzubringen.
Ein Großvater auf dem Sterbebett zu seinen Enkeln: Wir hätten euch die Umwelt retten müssen, sind aber leider nicht dazu gekommen.
Reisen, reisen, reisen, reisen, reisen, reisen.
Pharaonengräber, Eiffelturm, Fahrt zu den Walen, unendliche Wüsten, Käse andalusischer Bergziegen.
Herrlich, herrlich, herrlich, herrlich, herrlich.
Schreiben/Nachdenken. Das Wissen steht vor der Tür. Keiner zu Hause.
Schreiben wollen. Da war doch noch was.
Schreiben. Schürfen im Marianengraben der Realität.
Den ganzen Kopf hineinstecken in zähschleimigen Stickmull eines Kann-man-doch-machen. Die Rentenfreizeitarbeit ist schlimmer als Geldverdienen, weil sie sinnlos ist. Mit dem Ersparten möglichst viel kaufen, was noch in den Erlebniskropf passt. Überall rumglotzen, man nennt es auch staunen, manche sagen Erfüllung. Erinnerungen hineinpressen in die vom Arbeitsleben angefüllte Hirnhöhle, bevor der Abflug kommt. Ein Blick auf den Indischen Ozean, Moment, ich habe es passend.
Schreiben. Verschwinden in der Tintenwolke.
Lesen. Sich auf die Couch binden lassen.
Leben. Umherirren im Wollen und Haben, im Weggehen und Zurückkommen,
Geboren, Girlanden, ein Bottich (Urne).
Aus prallen geschlängelten Sprachadern
rinnen manchmal Tropfen
über Trommelfellplanen.
Oh, ein Lidschlag.
Der Dichter Theodor Schreibauf ging jahrelang morgens zum Strand.
Wenn er zurück kam, schrieb er ein Gedicht.
Es hatte nur ein Wort
Himmel
Am letzten Tag seines Lebens stand er am Strand und rief laut
Himmel
schade, dass ich nicht malen kann.
Es waren viele Gedichte vorhanden.
Sie meinten, sein Leben sei ausreichend gewesen.
Erdangst
Windradsilben sirren bereits
etwas Erdangst
kaum gedämmt mit Hirnwatte
Terragedankensand
ein Mandelkern sucht nach gelagerten Emotionen
es gibt diese Durstschreie in trockengefallenen Seen
noch lässt sich ungehört leugnen
im Schuhkarton 15-Eurosandalen
mit Grüßen aus Bangla
und darauf
eine
getrocknete
Träne
ein Leben lang gesprochen
lauter verbrauchte Sätze
hallschwallen im schwarzen Sprachsilo
an den Wänden Gedankenkrusten
eine kleine Buchstabenflamme lodert mit wenig Rauch
Gedanken eines Tages
eine Chance
gelebt
an die Welt gereicht und ihr gedankt
es reichte
geatmet zu haben
Oben Sprachgewitter in der Hirnhalle.
Darunter Knochenreiben im alternden Fleischhaus.
Umweltzerstörung durch Sprachmüll wird pro Kilosilbe mit einem Punkt geahndet.
Forschungsschwerpunkt
Grabsteinlyrik
Friedhofslyrik
Die Verhaftung des Wortes Ordnungshaft wird hiermit angeordnet.
Leben
Das ist der Abstand zwischen Gesäß und Tritt.